Pierre Bourdieu
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Bourdieus Konzept des Habitus
im Kontext seiner Theorie des Sozialen

 

1) Allgemeine Theoriebausteine

Paradigma allen sozialen Geschehens ist die diesem innewohnende Agonie: Gesellschaft ist durchgängig gekennzeichnet durch Konflikt, bedingt durch jeweilige Versuche von Akteuren bzw. von Gruppen derselben, - rares- Kapital (in unten genanntem Sinne) zu akkumulieren.

Bourdieu nimmt eine Erweiterung des Kapitalbegriffs gegenüber Marx vor: Das Kapital ist als eine „Metapher für soziale Macht“ (Bohn, 23) gedacht. Es kontingentiert in seiner ungleichmäßigen Verteilung in der Gesellschaft die Möglichkeiten des sozialen Geschehens. Bourdieu unterscheidet grundsätzlich drei Arten von Kapital: ökonomisches Kapital, soziales Kapital, kulturelles Kapital (inkorporiert und objektiviert). Die jeweiligen Kapitalien sind unter Transformationsarbeit ineinander überführbar, bei Primärsetzung des ökonomischen Kapitals („tendenzielle Dominanz des ökonomischen Feldes“ - daran anschließende Kritik siehe unten). Wirksam wird Kapital in der Wahrnehmung in Form des symbolischen Kapitals (Picassogemälde im Wohnzimmer, touristische Aufkleber auf dem Auto, ...).

Neben dem Verständnis des symbolischen Kapitals als quasi ein ,Gefäß’ für die oben genannten Grundformen des Kapitals in Situationen der Interaktion, findet sich in der Bourdieurezeption auch die Auffassung dessen als eine eigenständige solche, zum Beispiel im Falle erworbener und bewahrter Ehre in traditionellen, vormodernen Kulturen. Spieltheoretisch ausgedrückt sind die in einem gegebenen sozialen Feld „im Kurs stehenden“ (Fröhlich, 41) für dieses Feld spezifischen Kapitalien gleich „Trümpfen in einem Kartenspiel“ („Sozialer Raum und Klassen/Lecon sur la lecon“).

Die horizontale Differenzierung der Gesellschaft führt zur Aufteilung des sozialen Raumes in verschiedene Felder, die, entsprechend oben erwähntem agonistischem Paradigma, Bourdieu als Kampf- und Spielfelder gelten. Sie sind gekennzeichnet durch historische Konstituiertheit und spezifische Institutionen und Funktionsgesetze. Beispiele für Felder sind das der Bildung (oder, mikrosoziologischer gefaßt: der Universität), das der Kultur etc.

Die Stellung eines Akteurs/einer Gruppe derselben im sozialen Raum ist bestimmt durch die Position in den einzelnen Feldern, die drei Dimensionen aufweist: den Gesamtumfang des Kapitals („quantitativ“), seine Zusammensetzung („qualitativ“) sowie, als Dimension der Zeit, die , die Laufbahn. Letztere soll übrigens, laut Fröhlich (S.41), Konzepte individueller Statusinkonsistenz überwinden. (!) Zur „Komplizenschaft“ von Feld und Habitus siehe unten.

- die vertikale Differenzierung der Gesellschaft, i.e. Ungleichheit, ist als Aufgeteiltsein derselben in sich mehr oder weniger oben bzw. unten in der sozialen Hierarchie befindenden Klassen gedacht

- die vertikale Aufteilung der Gesellschaft findet sich in allen Feldern wieder, die dadurch einander homolog sind

- die objektive vertikale Differenz der Gesellschaft „verdoppelt“ sich gleichsam auf der symbolischen Ebene der Legitimität, bei Bourdieu: des symbolischen Kapitals, so daß aus verschiedenen Klassen solche Lebensstile und Geschmäcker werden. Aus Differenz wird so Distinktion. (Eine „Verdreifachung“ bzw. nochmalige „Verdoppelung“ ist auf einer intentionalen Ebene möglich.)

- die Differenzen sind nicht essentiell, sondern durch Relationen verschiedener Positionsinhaber konstituiert. Demgegenüber nimmt Bourdieu aber in den „Feinen Unterschieden“ sehr wohl eine normativ vorgetragene Einordnung der Differenzen und eine Essentialisierung vor, wenn er Lebensstile bzw. soziale Lagen als mehr oder weniger von einem „natürlichen Zustand“ entfernt beschreibt.

2) Soziologische Probleme, die durch das Habituskonzept gelöst werden sollen

- Überwindung von unnötigen und unproduktiven Dualismen in der Soziologie wie Handlung versus Struktur, Individuum versus Gesellschaft, Objektivismus versus Subjektivismus, (Materialismus versus Idealismus?) als zentrales Anliegen von Bourdieus Soziologie.

- Berücksichtigung von Kreativität in der Praxis, die in der Mannigfaltigkeit sozialer und kultureller Phänomene ablesbar ist, und der konservativen Beharrlichkeit gesellschaftlicher, (herrschaftlicher) Strukturen gleichermaßen.

- Wo liegt die Schnitt- bzw. Verzahnungsstelle zwischen Struktur und Handlung, zwischen Individuum und Gesellschaft, und wie funktioniert sie?

- Wie werden „sinnvolle“ Handlungen generiert?

3) Der Habitus

- Definition(en): Ursprüngliche Bedeutung, die bis auf Aristoteles zurückgeht: (erworbene) Haltung, Habe, Gehabe.

Klassenspezifisches System von dauerhaften und übertragbaren, strukturierten und strukturierenden Dispositionen, die soziale Praxis und (ihre) Wahrnehmung generieren und orientieren.

Es kann als „Prinzip beschränkter Erfindung“ (Rede und Antwort, S.104f) bezeichnet werden.

Es ist ein kohärentes System von Handlungsschemata [und Wahrnehmungsschemata]. Seine Kohärenz erzeugt das Charakteristische an den sozialen Handlungen und Wahrnehmungen einer Person bzw. einer Klasse und sorgt ferner für die gegenseitige Resonanz von Lebensäußerungen in verschiedenen Feldern, was „identitätsfestigend“ wirkt und außerdem Komplexität reduziert.

Das Konstante, sozusagen konservative an der beharrenden Gleichförmigkeit menschlichen Handelns erklärt Bourdieu durch eben diese Habitusbedingte Kohärenz, in Abgrenzung zu Theorien, die an diese Stelle formale Regeln und explizite Normen setzen.

Der Habitus ist ferner ein System von Grenzen, die das Handlungs- und Wahrnehmungsrepertoire eines Akteur bzw. einer Klasse von Akteuren, einschränkt. Die Genese des Habitus erfolgt durch „Inkorporierung (...) kollektiver generativer Schemata und Dispositionen in die Menschenkörper“ (Fröhlich, S.39), der Habitus ist sozusagen laut Bourdieu „Leib gewordene Geschichte“. Dieses Erlernen von Praxis erfolgt auf einer vorbewußten Ebene, auf der der Mimesis, nicht auf der des Unterrichts. Dies ist auch der Grund dafür, daß im Elternhaus erworbene Schemata tiefer verankert sind und ,natürlicher’ scheinen (überdies auch gesellschaftlich ein höheres Ansehen genießen) als solche, die ein Akteur etwa in der Schule vermittelt bekommen hat, z.B. also der Besuch einer Oper, unter Beachtung der entsprechenden Etikette etwa bei der Kleidung, für einen Bourgois angemessen, bei einem Kleinbürger prätentiös und verkrampft, bei einem Arbeiter verwunderlich anmutet.

Nach Fröhlich (S.39) unterscheidet Bourdieu drei Formen der Einprägung solcher Schemata: unmerkliches Vertrautwerden, explizite Überlieferung, Übungen in Spielform. Die Inkorporierung praktischer Schemata bedeutet auch die Verinnerlichung von Zeit- und Raumstrukturen: Beispiel des Sprech- und Bewegungsrhythmus bei Angehörigen höherer Klassen (Großbürgertum) und Arbeitern. Historische Beispiele: „Kultur der Muße“ in vorindustriellen Zeiten (siehe Robert Kurz), Herausbildung der Einteilung von vormals gemeinschaftlich genutztem Wohnraum in individuelle, ,eigene Zimmer’ in den Vereinigten Staaten (wie auch in Frankreich) Ende des 18. Jahrhunderts (Horst Dippel).

  - Entstehung des spezifischen Habitus: Primärsozialisation in Familie und (sekundär) Schule

- zwei Leistungen des Habitus: Praxis und Geschmack; der Habitus entspringt sozialen Strukturen, die entscheidend durch soziale Ungleichheiten gekennzeichnet sind, und schafft sie. Letztere Rückwirkung auf die Strukturen ist bei Bourdieu offenbar viel schwächer gesetzt als die Bestimmung ds Habitus durch diese. Im Schema aus den „Feinen Unterschieden“ fehlt sie ganz.

- der Habitus betrifft die gesamte Person, die sein Träger ist, bis in die scheinbar individuellen Freiheiten und Willkürakten überlassenen Bereiche (z.B. Konsumpräferenzen) hinein. Er setzt sich bis in die „körperliche Hexis“ und die Sprache fort.

- die „Funktionsweise“ des Habitus ist unbewußt, von Implizitheit bestimmt;

- der Habitus ermöglicht den sozialen Akteuren, zugleich zeitgebunden, i.e. in der Zeit und orientiert zu handeln

- der Habitus bewirkt mit (?), daß die soziale Welt den Akteuren „natürlich“ erscheint (extremes Beispiel Klassenrassismus), indem er die Kontingenz und Arbitrarität der gesellschaftlichen Realität vergessen macht wie auch seine eigene historische Genese.

Habitus und Feld, „die zwei Dimensionen des Sozialen“, stehen in einem ,komplizenhaften’ (Bourdieu) Verhältnis zueinander. Der Habitus braucht zu seiner Realisation unbedingt ein entsprechendes Feld. Es wird auch von einem „Verhältnis wechselseitiger Ermöglichung“ (Bohn, 25) gesprochen. Zwischen Habitus Feld und kann ein gleichsam partiell kybernetisches Verhältnis angenommen werden, da „der Habitus dazu beiträgt, zu bestimmen, was ihn bestimmt“ ().

Der Habitus ist gedacht als körpergewordene, das Feld, korrespondierend dazu, dinggewordene Geschichte. Das Feld bietet die „objektiven Chancen“ für das, was im Habitus als Disposition angelegt ist. Die Bedingungen des jeweiligen Feldes müssen denen, unter der Habitus ausgebildet wurde, mindestens analog sein. Ist dies erfüllt, erscheint die soziale Welt den Akteuren als „natürlich“. Andernfalls können Krisensituationen dazu führen, daß der Habitus als Praxis generierendes Prinzip nicht mehr trägt und beispielsweise von bewußtem, rationalen Kalkül abgelöst wird.

Soziales Handeln ist bei Bourdieu nicht zuletzt spieltheoretisch gefaßt. Dann läßt sich das Feld als Ort und Regelsystem des Spiels verstehen, der Habitus äußert sich im Sinn des Spielers für das Spiel, der auch mit dem Begriff der Illusio belegt wird. Illusio meint die Bindung ans Spiel, garantiert durch den Habitus, aber auch die dabei getätigten Investitionen, die sich schließlich nicht zuletzt im unbewußten (unkritischen?) ,Mitmachen’ manifestiert. Auf dem Spiel stehen die eingesetzten Kapitalien; in einem weiteren Sinne nicht nur das, worum gespielt wird, sondern auch die Regeln, unter denen das Spiel sich vollzieht. Die Gesamtheit der Einsätze bezeichnet Bourdieu als . Sieht man soziale Praxis als im Spiel ablaufend, scheint der alte Antagonismus von Zwang und Freiheit (und weiterer entgegengesetzter Pole, s.o.) vermittelt und gelöst: Der Spieler agiert innerhalb eines Rahmens, der von Regeln gesteckt wird, ist aber dennoch kreativ darin tätig ebenso, wie die Zahl der möglichen Situationen trotz der Strukturiertheit durch die Regeln unendlich groß ist. Freilich sieht Bourdieu diese Aufhebung der genannten Gegensätze nur im Falle des „guten Spielers“ gelungen...

Der Habitus ist wandelbar, wenn die in ihm angelegten Erwartungsstrukturen auf nicht (mehr) korrespondierende Strukturen von Chancen stoßen.

4) Kritik des Habituskonzepts und seiner benachbarten Theorieelemente und entsprechende, mögliche Diskussionsansätze

- Ist das Habituskonzept mit einer radikalisierten, weil konsequent sämtliche Phänomene auf der Mikroebene vereinnahmenden, materialistischen Klassentheorie verbunden?

- Gibt es im Kontext des Habitus ein autonomes Subjekt?

- Vorwurf des „Konservatismus“ gerechtfertigt?

 
 
 

Referat, Anfang 2000
© Thomas Weische